Warum Klau und Klau nicht dasselbe sind. Und warum sich Klauen dennoch nicht lohnt.

Wer im Geschäft einen Kaugummi klaut, ist ein Ladendieb. Und wer Texte klaut, ist ein Textdieb. Denn: Geklaut ist geklaut.

Logisch, oder????

Ja, das war meine reichlich naive Denke, als ich vor mehr als zwei Jahren meine Webtexte plus Gestaltung auf der Seite einer „Kollegin” fand. Natürlich wähnte ich mich im Recht, nicht nur im moralischen, sondern auch im juristischen.

Ich sollte mich geirrt haben.

Denn zwischen Klau und Klau hat das deutsche Urheberecht die Schöpfungshöhe gesetzt - sprich: Im Streitfall befinden deutsche Richter darüber, wie schöpferisch, künstlerisch und wie originell Texte sind. Erreichen sie nach deren Ansicht die notwendige Schöpfungshöhe nicht, dann sind die Texte nur gutes Handwerk und dürfen sie straflos geklaut werden.

Genau das musste ich mir von den Richtern vor dem Landgericht Düsseldorf sagen lassen, nachdem sie meine Texte in einzelne Sätze zerpflückt hatten: Dass diese einzelne Sätze für sich genommen nichts besonderes wären, dass jeder halbwegs begabte Realschüler das könne. Dass ein Text aber ein Gesamtwerk ist, und jeder einzelne Satz nur ein Teil des großen Ganzen - das war ihnen offensichtlich beim Zerpfücken nicht bewusst. (Gerne denke ich dabei an „Ilsebill salzte nach.”, der Satz, der zum schönsten Anfang eines deutschen Romans gekürt wurde. Was würden die Düsseldorfer Richter aus Sicht der Schöpfungshöhe wohl zu diesem Satz sagen? Der Satz stammt übrigens aus „Der Butt.” von Grass. Nur damit klar ist, dass dies kein Realschüler war ... ;-)))

Ich war erschüttert, sprachlos, entsetzt. Niemals war mir „Recht” unrechter erschienen. Ich zog mein Klage zurück, um sie vor dem Landgericht München erneut zu stellen.

Gestern war Prozesstermin.

Und was soll ich sagen: Ich habe gewonnen. Der Vorsitzende Richter hat der Einschätzung der Düsseldorfer Richter klar widersprochen, ja, bestätigt, dass er die Schöpfungshöhe meiner Webtexte auch in einem möglichen Berufungsverfahren (oder sagt man Revision?) bis zum BGH klar erreicht sieht.

Ich glaube, niemand, der nicht selber schreibt, kann nachvollziehen, wie wichtig und wertvoll mir diese richterlichen Worte sind:

Mein Texte sind schützenswert! Sie sind kein Handwerk! Sie sind das Ergebnis eines schöpferischen Aktes! Und vor allem: Sie dürfen nicht ungestraft geklaut werden!

Im Klartext: Für den geklauten Umfang wurde mir ein Schadensersatz in Höhe von 1.800 Euro zugesprochen, nur für den Text, wohlgemerkt.

Mein Fazit nach über zweijähriger Urheberrechtsodyssee: Ich würde es wieder tun. Ich würde wieder für mein Recht kämpfen. Und ich habe einiges in Sachen Urheberrecht dazu gelernt. Aber ich habe auch viel an Naivität verloren. An Glauben an deutsche Gerechtigkeit. Und immer noch will es mir nicht einleuchten, warum Texte tendenziell weniger schützenswert sind als selbst die simpelste Fotografie.

Und warum sie strafloser geklaut werden dürfen als Kaugummis.

Susanne Ackstaller am Donnerstag, 01. April 2010 um 19:15 Uhr

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Tags: webtexttextklautextschöpfungshöheschadensersatzkleine münzediebstahl

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Kommentare

  1. Gewonnen! Wie gut! Ein Sieg für den Wert guter Texte! Großen Glückwunsch dir und allen Textschaffenden :-)

    NetLektorin am Donnerstag, 01. April 2010 um 20:17 Uhr
  2. Glückwunsch zu diesem Sieg, der sehr ermutigend für alle kreativen Textmenschen ist! Finde es wirklich super, dass du nicht aufgegeben und dir dein Recht erstritten hast!

    Heide Liebmann am Donnerstag, 01. April 2010 um 20:23 Uhr
  3. Herzlichen Glückwunsch, liebe Susi!
    Ich finde es bewundernswert, dass Du die Zeit und Energie aufgebracht hast, für eine so wichtige Sache zu kämpfen. Es kann einfach nicht sein, dass sich jedermann straflos bei allen Texten bedienen darf, die er im Internet findet. Die Argumentation des Düsseldorfer Richter ist für mich nicht nachzuvollziehen: Wenn es so einfach wäre, die Texte selber zu schreiben, dann bräuchte sie keiner zu klauen. Und dann wäre es doch höchst verwunderlich, warum die Kunden den Textern gutes Geld zahlen. Die Kunden haben es begriffen, dass gute Texte für sie viel wert sind. Die Textklauer wissen das genauso gut. Es ist schön, dass das jetzt endlich auch ein Richter so gesehen hat.

    Das ist ein erster Schritt in die richtige Richtung - hoffentlich werden sich noch mehr Richter dieser Auffasssung anschließen.

    Wortakzente am Donnerstag, 01. April 2010 um 21:52 Uhr
  4. Klasse! Gratulation! Das hilft uns allen. Ich glaube ja, es ist eher Unverständnis der Richter, die über solche Dinge nie nachgedacht haben, als böser Wille (Ddorf).ö
    Freu dich!
    Nessa

    Nessa am Donnerstag, 01. April 2010 um 22:01 Uhr
  5. Glückwunsch! Das ist doch mal ein Zeichen in die richtige Richtung. Danke für die Bresche, die Sie für die ganze Textergilde damit geschlagen haben. Leider denken immer noch viele, wer lesen und schreiben kann, kann werbetexten oder ist ein Bestsellerautor. Schade, dass sich die Düsseldorfer nicht dazu durchringen konnten. Respekt für den Mut, es einfach woanders nochmal zu probieren!!!

    Ulrikr Gerloff am Freitag, 02. April 2010 um 01:04 Uhr
  6. Ein - etwas längerer - Kommentar dazu in meinem Blog: http://wortakzente.wordpress.com/2010/04/02/wider-den-textklau/

    Daniela

    Wortakzente am Freitag, 02. April 2010 um 12:14 Uhr
  7. Glückwunsch! Und Respekt für den Mut!

    martin am Freitag, 02. April 2010 um 20:32 Uhr
  8. Zerpflücken ist ja toll, ganz toll.  Am besten in einzelne Buchstaben.

    Also, nochmal, im ganzen Satz: Glückwunsch! :)

    doppelfish am Samstag, 03. April 2010 um 22:10 Uhr
  9. @Nessa: Sicher, Unverständnis! Und die Arroganz alles zu wissen. Auch wie man schreibt.

    @Doppelfish: Ja, damit erreicht praktisch kein Text mehr die Schöpfungshöhe. Gute Idee! ;-)))

    Susanne Ackstaller am Samstag, 03. April 2010 um 23:44 Uhr
  10. Ich hoffe doch sehr, dass dieses Fehlurteil sich nicht durchsetzt. Klarer Fall von „Forum Shopping”: irgendwo wird es schon Richter geben, die den eigenen Bedeutungswahn goutieren. Dass nur mit einer hohen Hürde der Schöpfungshöhe Kreativität möglich ist, weil Kreativität immer voraussetzt, auf anderem aufzubauen, erscheint mir sicher. Wenn bei Gebrauchstexten Gerichte ein deutliches Überragen fordern, halte ich das für völlig in Ordnung. Gern verweise ich auf mein Buch „Urheberrechtsfibel”.

    Dr. Klaus Graf am Sonntag, 04. April 2010 um 18:18 Uhr
  11. Ach so. Dann ist es also für Sie okay, wenn eine ganze Website geklaut wird?

    Das spricht wirklich für Sie.

    Susanne Ackstaller am Sonntag, 04. April 2010 um 19:03 Uhr
  12. Und ganz davon abgesehen, sind Werbetexte keine Gebrauchstexte. Das nur zu Ihrer Info.

    Aber schön, dass Sie die Gelegenheit genutzt haben, für Ihre „Fibel” Werbung zu machen.

    Susanne Ackstaller am Sonntag, 04. April 2010 um 19:18 Uhr
  13. Ja, da scheint mir ein Missverständnis vorzuliegen. Nicht jeder Webtext ist ein Gebrauchstext, auch wenn es die ohne Zweifel zuhauf im Netz gibt - sei es zu SEO-Zwecken. Für strategische Unternehmenskommunikation in sprachlich individueller Form (da hab ich gar keinen Zweifel, ich könnte einen Text von Susi ganz sicher unter vielen anderen erkennen) ist die zumindest die kleine Münze doch mehr als gerechtfertigt. Zumal sie ja offensichtlich auch alltäglichen Zeitungsartikel quasi automatisch zuerkannt wird, Jingles aus drei Tönen oder Textschnipseln aus elf Wörtern sowie Schnappschüssen jedweder Art. Da gibt es doch ein Unverhältnis.

    „Dass nur mit einer hohen Hürde der Schöpfungshöhe Kreativität möglich ist, weil Kreativität immer voraussetzt, auf anderem aufzubauen, erscheint mir sicher.”

    Das scheint mir paradox. Die Schultern von Riesen sind geschenkt, aber Kreativität beginnt doch nicht in der Kunst um der Kunst willen?

    Wenn jemand eine komplette Website inklusive Text und Gestaltung per Copy & Paste als sein eigenes Werk ausgibt, mit der er Werbung für sich machen will, dann kann das doch nicht minder illegal sein als Ladendiebstahl? Nicht einmal, wenn es um profanste Texte geht - was hier imho nicht der Fall ist.

    tina de luxe am Montag, 05. April 2010 um 00:05 Uhr
  14. Individuell für eine Strategie, einen Kunden entwickelt, scheint ein Text im Moment des Entwurfs einzigartig und unverwechselbar. Mit etwas Abstand verliert er diese subjektive Brillanz leider häufig. Ich bin immer wieder überrascht, wenn Sätze und Formulierungen von mir irgendwo anders auftauchen und dort genau so gut zu passen scheinen.

    Aus Zeitgründen habe ich es mir bisher noch nie gegeben, mich da wirklich mal juristisch zu behaupten. Wie man an Ihrem Erlebnis sieht, kostet das denn auch Nerven und den Glauben an die Rechtsprechung. Toll, dass Sie letzten Endes Ihr Recht als schöpfender Texter bekommen haben - Gratulation!!!

    Kollegiale Grüße,

    Simone Laub

    Simone Laub am Montag, 05. April 2010 um 10:34 Uhr
  15. Das Gesetz sagt ja erstmal nur, dass ein Werk eine persönliche geistige Schöpfung sein muss.

    Wikipedia erläutert:

    „Nach herrschender Meinung umfasst dieser Werkbegriff vier Elemente:

      1. Persönliches Schaffen: [...] Maschinelle Produktionen oder von Tieren erzeugte Gegenstände und Darbietungen erfüllen dieses Kriterium nicht. [...]
      2. Wahrnehmbare Formgestaltung: Das Kriterium der wahrnehmbaren Formgestaltung schließt bloße Ideen aus, die sich nicht in wahrnehmbarer Form manifestiert haben. [...]
      3. Geistiger Gehalt: Die bloße sinnliche Wahrnehmbarkeit genügt noch nicht: Weiterhin muss der Urheber eine Gedanken- und/oder Gefühlswelt erzeugen, die in irgend einer Weise anregend auf den Betrachter wirkt.[3]
      4. Eigenpersönliche Prägung: Zuletzt erfordert der Werkbegriff des § 2 Abs. 2 UrhG, dass ein gewisses Maß an Individualität und Originalität erreicht wird; so werden reine Routinehandlungen ausgeschieden. [...] Je nach Werkart ist das geforderte Maß an Originalität (die sog. Gestaltungshöhe) unterschiedlich. Eine nur geringe Abweichung von der handwerksmäßigen Durchschnittsleistung nennt man kleine Münze.”
    vgl. http://de.wikipedia.org/wiki/Deutsches_Urheberrecht#Schutzgegenstand_des_Urheberrechts:_Das_Werk

    Da seh ich gar keine Probleme für die Schutzwürdigkeit und „Brillanz” (wie auch immer man die versteht) nicht wirklich als Kriterium. ;-) Wäre der Text nicht als ziemlich gut befunden worden, er wäre wohl auch nicht geklaut worden ...

    tina de luxe am Montag, 05. April 2010 um 11:30 Uhr
  16. Klar, wer will, darf sich geschmeichelt fühlen. Brillanz meint Ideengut, das eben nicht jedem Hirn entspringt.

    Mir erzählte eine Kundin mal von den besonderen Gedanken, mit der das Unternehmen an seine Aufgaben herangeht. Daraus habe ich dann den Einstieg der Firmenpräsenz formuliert - natürlich SuMa optimiert.

    Jetzt erzählte sie mir, ein vernestelter Partner habe sich von einer Web- und Textagentur eine Site stricken lassen, und nur weil er mit meiner Kundin zus.arbeitet, stellte er fest, dass diese Webagentur exakt das für meine Kundin entwickelte Intro auf seiner Website eingebaut hatte ...

    Da könnte ich mich geschmeichelt fühlen, na super. Es geht doch vielmehr darum, dass die Individualität eines Auftritts durch solche Kupfereien gefährdet wird - persönliche Gefühle spielen hier keine Rolle, sondern der immerhin vom Kunden gekaufte, einzigartige Auftritt mit eigenen Argumenten und eigener Sichtweise. Wie kann da eine (Profi?-) Texterin das Intro von einer anderen Seite klauen und noch ruhig schlafen?

    Simone Laub am Montag, 05. April 2010 um 11:53 Uhr
  17. Klar, das sehe ich auch so.

    Die wettbewerbsrechtlich Seite ist auch noch da, Duplicate Content wäre ein anderer Aspekt - von Berufethos oder auch nur Anstand in der Tat mal ganz zu schweigen.

    tina de luxe am Montag, 05. April 2010 um 11:58 Uhr
  18. Danke, liebe Susi, dass du nicht aufgegeben hast! Texteklauen sollte wirklich IMMER verboten sein, und wenn es „nur” handwerklich gut gemachte Texte wären. Die Sache mit der Schöpfungshöhe ist nicht nur kaum zu beurteilen, sondern auch im Grunde ziemlich doof. Schließlich darf man mehlige, fleckige, saure Äpfel ebensowenig klauen wie süße und saftige.

    AbidiText am Montag, 05. April 2010 um 22:01 Uhr
  19. Ein Prozess, der an die Grundfesten unseres Texterinnen-Verständnis geht. Und schön, dass du gewonnen hast!

    Alex Kropf am Donnerstag, 08. April 2010 um 12:13 Uhr
  20. auch ich drücke meine anerkennung für diesen blog aus…weiter so..

    vergleichsportal am Montag, 10. Mai 2010 um 00:54 Uhr
  21. Das finde ich wirklich super das du gewonnen hast. Ich habe mir bisher immer gesagt, wenn mir mal jemand einen Text klaut, nehme ich es sportlich, weil ich eh nicht wirklich was gegen machen kann, aber dein Fall macht mir doch Mut, auch wenn es 2 Jahre gedauert hat.
    Wie sieht das aber mit der Beweisbarkeit aus, dass du die Texte wirklich geschrieben hast?

    Fattush am Dienstag, 11. Mai 2010 um 00:11 Uhr
  22. Wie perfide, dass sich die SEO-Backlinkspammer ausgerechnet diesen Beitrag aussuchen ... :-(

    tina de luxe am Dienstag, 11. Mai 2010 um 00:16 Uhr
  23. Contentklau ist wirklich eine heikle Angelegenheit, die auch unabhängig von der Qualität des Textes bestraft werden sollte. Immerhin sitzt man manchmal ewig an einem Text, der dann einfach von einer anderen Person geklaut wird. Das ist ärgerlich und noch mehr frustrierend, wenn Derjenige nicht zur Rechenschaft gezogen wird. Ich finde, auch Texte von Wikipedia sollten nicht geklaut werden. Schließlich wurden diese auch mit viel Mühe geschrieben.

    TVöD am Freitag, 30. Juli 2010 um 21:22 Uhr
  24. Wer Markenslogans klaut oder verfälscht (wie z. B. bei einer großen Möbelmarke aus Schweden) und Musik (Tauschbörsen) oder ein Bild von einem großen Bildverlag unrechtmäßig verwendet - muss mit einer harten Verfolgung und mehreren Tausend Euro Strafe rechnen.

    Das Kupfern von Werbetexten und Webtexten wird dagegen häufig als Kavaliersdelikt angesehen. Wer als Werbetexter dagegen klagt, hat schon verloren. Selbst wenn man als Texter des Ursprungs-Textes den Prozess gewinnt, muss man häufig so viel Zeit in die Prozessvorbereitung investieren, dass das Schreiben eines neuen Kundentextes sicherlich lohnenswerter ist.

    Christoph Decker am Dienstag, 11. Januar 2011 um 13:37 Uhr

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